„Der Fall Chodorkowski“ – Ein wichtiger Film
Am 17. November lief der Film „Der Fall Chodorkowski“ in den deutschen Kinos an – gerade rechtzeitig vor den russischen „Wahlen“, deren Ausgang schon klar ist bevor sich auch nur ein einziger Russe seiner Wahlkabine genähert hat.
Kommentar von Dr. Michael Thess, Vorstandsmitglied der SPD-Unternehmer (AGS-Chemnitz):
Wer wissen will warum, der kommt im Film auf seine Kosten. Ich habe den Film zur Premiere in Dresden im Kino Schauburg gesehen. Der Saal war voll, gerade auch mit vielen Russen. Der Regisseur Cyril Tuschi war anwesend und hinterher gab es eine lebhafte Diskussion. Danach konnte man sich bei Amnesty International in eine Unterstützerliste für Michail Chodorkowski eintragen, was auch erstaunlich viele Besucher taten, mich eingeschlossen.
Dabei ist der Film alles andere als eine plumpe Propaganda für den Ex-Oligarchen. In verschiedenen Szenen wird Chodorkowskis Weg zum großen Geld nachgezeichnet. Der Mann ist dabei nicht zimperlich. Ehemalige Weggefährten beschreiben, wie der junge Chodorkowski sich opportunistisch dem Komsomol anschloss, wo man am leichtesten zu Geld und guten Beziehungen kommen konnte, dort zielstrebig aufstieg und Ende der 80er Jahre Kontakte zu führenden Sowjetfunktionären aufbaute. Die frühen Jelzin-Jahre mit ihren wirtschaftlichen Freiheiten und besonders der Privatisierung waren für den aufstrebenden Manager eine wahre Goldgrube. Intelligent handelte er mit Importwaren, gründete Banken, räumte Konkurrenten beiseite und nutzte seine politischen Kontakte, um sich ehemaliges Staatseigentum zu Spottpreisen einzuverleiben. 2001 war es vollbracht: Er wurde Russlands reichster Mann und der Welt erfolgreichster Jung-Milliardär.
Dann die Wandlung: Chodorkowskis Yukos wird völlig transparent, bilanziert nach internationalen Standards, wird Russlands Vorzeigekonzern und größter Steuerzahler, noch vor dem korrupten Moloch Gazprom. Chodorkowskis investiert in Infrastruktur und Bildung. Dann legt er sich mit Putin an, den er völlig unterschätzt. Einer der Schlüsselmomente im Film: Chodorkowskis kritisiert Putin vor laufenden Kameras für die ausufernde Korruption im Land. Der Ex-KGB-Mann reagiert gequält und droht unterschwellig. Und vergisst das nie! Im Umfeld des Oligarchen werden erste Geschäftspartner verhaftet, doch dieser zeigt sich standhaft – emigriert nicht, nimmt nichts zurück, auch wenn er sichtbar nervös wirkt. Dann wird er selbst verhaftet – in einer Animation künstlerisch gut dargestellt. Nun beginnt Chodorkowskis heroische Epoche: Er lehnt alle Deals auf Freilassung ab, verzichtet auf Gnadengesuche, kritisiert das Regime. Verschwindet im Gefängnis in den Weiten Sibiriens und gibt doch nie auf. Klar wird: Mit jedem Tag und jeder Stunde, die Michail Chodorkowski hinter Gitter verbringt, steigt sein politisches Gewicht.
Dabei ist der Film alles andere als eine plumpe Propaganda für den Ex-Oligarchen. In verschiedenen Szenen wird Chodorkowskis Weg zum großen Geld nachgezeichnet. Der Mann ist dabei nicht zimperlich. Ehemalige Weggefährten beschreiben, wie der junge Chodorkowski sich opportunistisch dem Komsomol anschloss, wo man am leichtesten zu Geld und guten Beziehungen kommen konnte, dort zielstrebig aufstieg und Ende der 80er Jahre Kontakte zu führenden Sowjetfunktionären aufbaute. Die frühen Jelzin-Jahre mit ihren wirtschaftlichen Freiheiten und besonders der Privatisierung waren für den aufstrebenden Manager eine wahre Goldgrube. Intelligent handelte er mit Importwaren, gründete Banken, räumte Konkurrenten beiseite und nutzte seine politischen Kontakte, um sich ehemaliges Staatseigentum zu Spottpreisen einzuverleiben. 2001 war es vollbracht: Er wurde Russlands reichster Mann und der Welt erfolgreichster Jung-Milliardär.
Dann die Wandlung: Chodorkowskis Yukos wird völlig transparent, bilanziert nach internationalen Standards, wird Russlands Vorzeigekonzern und größter Steuerzahler, noch vor dem korrupten Moloch Gazprom. Chodorkowskis investiert in Infrastruktur und Bildung. Dann legt er sich mit Putin an, den er völlig unterschätzt. Einer der Schlüsselmomente im Film: Chodorkowskis kritisiert Putin vor laufenden Kameras für die ausufernde Korruption im Land. Der Ex-KGB-Mann reagiert gequält und droht unterschwellig. Und vergisst das nie! Im Umfeld des Oligarchen werden erste Geschäftspartner verhaftet, doch dieser zeigt sich standhaft – emigriert nicht, nimmt nichts zurück, auch wenn er sichtbar nervös wirkt. Dann wird er selbst verhaftet – in einer Animation künstlerisch gut dargestellt. Nun beginnt Chodorkowskis heroische Epoche: Er lehnt alle Deals auf Freilassung ab, verzichtet auf Gnadengesuche, kritisiert das Regime. Verschwindet im Gefängnis in den Weiten Sibiriens und gibt doch nie auf. Klar wird: Mit jedem Tag und jeder Stunde, die Michail Chodorkowski hinter Gitter verbringt, steigt sein politisches Gewicht.
"Der Fall Chodorkowski" www.derfallchodorkowski.de
Im Film zu sehen: Russlands gelenkte Justiz in Aktion – zum Teil unfreiwillig komisch, kein einziger führender russischer Politiker oder Geschäftsmann, der sich zum Fall äußern möchte, Oligarchen, die im ausländischen Exil schmoren und Chodorkowski verteidigen oder verdammen und unbekümmerte russische Jugendliche, die ihn – der staatlichen Propaganda auf allen Kanälen folgend – einfach als Dieb und Mörder bezeichnen. Ja, auch Mörder: Denn kein geringerer als ausgerechnet Wladimir Wladimirowitsch Putin hat ihn so genannt.
Gerade die Erwähnung des Auftragsmords wurde in der anschließenden Diskussion dem Regisseur vorgeworfen – dass er Putins absurder Beschuldigung überhaupt ernst nimmt (übrigens weitgehend entkräftet). Doch gehört dies meiner Meinung nach zur journalistischen Sorgfaltspflicht. Für mich generell eine große Stärke des Films: die Ausgewogenheit der Dokumentation. Und doch ergreift Tuschi damit letztlich klar Partei für den Inhaftierten.
Künstlerisch erscheint mir der Film weniger überzeugend, zu zerfasert die Handlung, manches zu effekthascherisch.
Der Film ist jedoch besonders dadurch wertvoll, dass er ein gutes Bild der heutigen gesellschaftlichen Situation in Russland wirft. Dieses sollte nicht dämonisiert werden. Putin ist kein Stalin und Russland nicht die Sowjetunion. Heute kann jeder Russe frei reisen, auch ausreisen, sich privat frei äußern, Eigentum erwerben und sich unternehmerisch betätigen. Es existieren Parteien und einige freie Medien; der Zugang zum Internet ist (noch) unbeschränkt. Das Regime ist geschickt, wie eine Mischung aus Huxleys „Neue Schöne Welt“ und Orwells „1984“: Die Menschen werden durch Konsum korrumpiert; sind jedoch privat frei. Wer dagegen öffentlich aufmuckt, wird – wie Chodorkowski – brutal niedergemacht.
Am ehesten ist Russlands System wohl vergleichbar mit arabischen Regimen wie Mubaraks Ägypten. Das zeigt zugleich dessen wunden Punkt: Bei aller scheinbaren Perfektion ist es letztlich doch zum Untergang verurteilt, da es im Kern autokratisch und reformunfähig ist. Im Korruptionsindex von „Transparency International“ nimmt Russland Platz 147 von 180 Staaten ein. Sieht man von wenigen Entwicklungsländern ab, ist es das korrupteste Land der Welt. Ein Koloss auf tönernen Füßen. Auch das ist im Chodorkowski-Film klar ersichtlich.
Bleibt die Frage wie der Westen mit dem Regime umgehen soll. Sicher nicht mit Hochmut oder Wirtschaftssanktionen. Ich denke, am ehesten ist eine Ostpolitik wie die Willi Brands angebracht. Wirtschaftlich: Wandel durch Handel. Auch die Abschaffung der Visumspflicht, derzeit vehement von Russlands Politikern gefordert, ist sinnvoll. Je mehr Russen Europa kennenlernen, desto vehementer werden sie im eigenen Land Demokratie einfordern. Die Sorge vor einer Flut russischer Einwanderer ist unbegründet: Bei 140 Millionen Einwohnern, von denen sich auch derzeit nur die wenigsten eine Reise leisten können, kann das Europa leicht verkraften. Auch ein Dialog wie auf den Valdai-Klub-Treffen ist richtig, mag er auch von russischen Politikern nur als Fassade benutzt werden. Wichtig ist jedoch eine klare politische Abgrenzung zum Putin-Regime: Dieses ist im Kern nicht anders zu behandeln als China oder der Iran.
Unsäglich ist eine Appeasement-Politik mit dem absurden Gerede, dass Russland lange Zeit zur Demokratisierung brauche und nur „mit starker Hand“ regiert werden könne. Derartige Positionen werden leider noch oft im Umfeld der deutschen Industrie vertreten. Ein beschämendes Beispiel ist gerade Gerhard Schröder, immerhin Ex-SPD-Kanzler, der sich im Film zu Chodorkowski gar nicht äußern möchte und dann mit derbem Zynismus das Putin-System verteidigt. Hier sollten wir als SPD auch klarer Stellung beziehen.
Die von Russlands Politikern geschickte gestreute Drohung, Russland könne sich von Europa ab- und Asien zuwenden ist substanzlos. Heute ist Russland wirtschaftlich ungleich mehr auf den Westen angewiesen als umgekehrt. Mit China verbindet es nichts: Die Interessen sind grundverschieden, das Misstrauen riesig, es existieren auch privat kaum Verbindungen – Russen leben in Europa und USA, fahren nach Paris shoppen oder kaufen Immobilien in der Schweiz. Der Westen sollte eine harte Position gegenüber Putin und seinen Gefolgsleuten einnehmen, auf Menschenrechte drängen und deutlich die russische Opposition unterstützen. Dazu gehört eben auch der Fall Chodorkowski: Bei aller Widersprüchlichkeit seiner Person verdient er für seine Standhaftigkeit Respekt und Unterstützung. So bleibt letztlich das Resümee, dass dieser nützliche Film gerade rechtzeitig in die Kinos gekommen ist und ein Besuch die Augen bzgl. des heutigen Russland öffnet.
Gerade die Erwähnung des Auftragsmords wurde in der anschließenden Diskussion dem Regisseur vorgeworfen – dass er Putins absurder Beschuldigung überhaupt ernst nimmt (übrigens weitgehend entkräftet). Doch gehört dies meiner Meinung nach zur journalistischen Sorgfaltspflicht. Für mich generell eine große Stärke des Films: die Ausgewogenheit der Dokumentation. Und doch ergreift Tuschi damit letztlich klar Partei für den Inhaftierten.
Künstlerisch erscheint mir der Film weniger überzeugend, zu zerfasert die Handlung, manches zu effekthascherisch.
Der Film ist jedoch besonders dadurch wertvoll, dass er ein gutes Bild der heutigen gesellschaftlichen Situation in Russland wirft. Dieses sollte nicht dämonisiert werden. Putin ist kein Stalin und Russland nicht die Sowjetunion. Heute kann jeder Russe frei reisen, auch ausreisen, sich privat frei äußern, Eigentum erwerben und sich unternehmerisch betätigen. Es existieren Parteien und einige freie Medien; der Zugang zum Internet ist (noch) unbeschränkt. Das Regime ist geschickt, wie eine Mischung aus Huxleys „Neue Schöne Welt“ und Orwells „1984“: Die Menschen werden durch Konsum korrumpiert; sind jedoch privat frei. Wer dagegen öffentlich aufmuckt, wird – wie Chodorkowski – brutal niedergemacht.
Am ehesten ist Russlands System wohl vergleichbar mit arabischen Regimen wie Mubaraks Ägypten. Das zeigt zugleich dessen wunden Punkt: Bei aller scheinbaren Perfektion ist es letztlich doch zum Untergang verurteilt, da es im Kern autokratisch und reformunfähig ist. Im Korruptionsindex von „Transparency International“ nimmt Russland Platz 147 von 180 Staaten ein. Sieht man von wenigen Entwicklungsländern ab, ist es das korrupteste Land der Welt. Ein Koloss auf tönernen Füßen. Auch das ist im Chodorkowski-Film klar ersichtlich.
Bleibt die Frage wie der Westen mit dem Regime umgehen soll. Sicher nicht mit Hochmut oder Wirtschaftssanktionen. Ich denke, am ehesten ist eine Ostpolitik wie die Willi Brands angebracht. Wirtschaftlich: Wandel durch Handel. Auch die Abschaffung der Visumspflicht, derzeit vehement von Russlands Politikern gefordert, ist sinnvoll. Je mehr Russen Europa kennenlernen, desto vehementer werden sie im eigenen Land Demokratie einfordern. Die Sorge vor einer Flut russischer Einwanderer ist unbegründet: Bei 140 Millionen Einwohnern, von denen sich auch derzeit nur die wenigsten eine Reise leisten können, kann das Europa leicht verkraften. Auch ein Dialog wie auf den Valdai-Klub-Treffen ist richtig, mag er auch von russischen Politikern nur als Fassade benutzt werden. Wichtig ist jedoch eine klare politische Abgrenzung zum Putin-Regime: Dieses ist im Kern nicht anders zu behandeln als China oder der Iran.
Unsäglich ist eine Appeasement-Politik mit dem absurden Gerede, dass Russland lange Zeit zur Demokratisierung brauche und nur „mit starker Hand“ regiert werden könne. Derartige Positionen werden leider noch oft im Umfeld der deutschen Industrie vertreten. Ein beschämendes Beispiel ist gerade Gerhard Schröder, immerhin Ex-SPD-Kanzler, der sich im Film zu Chodorkowski gar nicht äußern möchte und dann mit derbem Zynismus das Putin-System verteidigt. Hier sollten wir als SPD auch klarer Stellung beziehen.
Die von Russlands Politikern geschickte gestreute Drohung, Russland könne sich von Europa ab- und Asien zuwenden ist substanzlos. Heute ist Russland wirtschaftlich ungleich mehr auf den Westen angewiesen als umgekehrt. Mit China verbindet es nichts: Die Interessen sind grundverschieden, das Misstrauen riesig, es existieren auch privat kaum Verbindungen – Russen leben in Europa und USA, fahren nach Paris shoppen oder kaufen Immobilien in der Schweiz. Der Westen sollte eine harte Position gegenüber Putin und seinen Gefolgsleuten einnehmen, auf Menschenrechte drängen und deutlich die russische Opposition unterstützen. Dazu gehört eben auch der Fall Chodorkowski: Bei aller Widersprüchlichkeit seiner Person verdient er für seine Standhaftigkeit Respekt und Unterstützung. So bleibt letztlich das Resümee, dass dieser nützliche Film gerade rechtzeitig in die Kinos gekommen ist und ein Besuch die Augen bzgl. des heutigen Russland öffnet.
Dr. Michael Thees (40)
Vorstand prudsys AG
Infos zur Person

